Politik mit Haltung - Leben wir auf verschiedenen Sternen?

Das Podium der sehr gut besuchten Veranstaltung setzte sich zusammen aus dem SPD- Kandidaten für den niedersächsischen Landtag, Tobias Handtke, Michael-Hans Höntsch, Abgeordneter und aufrechter Kämpfer gegen rechts, gegen Gewalt und gegen Populismus im niedersächsischen Landtag, Timea Baars, jüngstes SPD-Ratsmitglied und Juso-Vertreterin und Pastor Dr. Florian Schneider. Mit einer kurzen Einführung schlug Tobias Handtke nach dem Ausgang der
Bundestagswahl einen Bogen von den politischen Ereignissen in Deutschland und der Welt, über die allgemeine Politikverdrossenheit vieler Menschen, den SPD-Bundestagswahlkampf, bis hin zum enttäuschenden SPD-Wahlergebnis und dem für die Sozialdemokraten unfassbaren Wahlergebnis für die AfD, eine Partei am rechten Rand mit rechtsradikalen Tendenzen. Handtke wirft weitere Fragen auf: „Was ist das eigentlich, Politik mit Haltung? Wie gehen wir auf Menschen zu? Tragen wir Werte vor uns her oder leben wir sie?“


Als Gast aus dem niedersächsischen Landtag berichtete Michael-Hans Höntsch von seinen Erfahrungen sowohl mit Mitgliedern der AfD, als auch mit deren Wählern. Wie umgehen mit dem allgemeinen Rechtsruck und mit den Wähler*innen der neuen Rechten? Wie umgehen mit dem Nachbarn, der sich dazu bekennt, die AfD zu wählen? Meiden oder miteinander ins Gespräch kommen? Höntsch wirft die Flinte nicht ins Korn, auch wenn ihn einige Momente fassungslos
machen: „Wie überzeugt man den alten Herrn, dessen Rente nicht reicht und der sich bei Gauland & Co. aufgehoben fühlt, der offen zugibt, kein Rentenkonzept zu haben und dieses auch nicht als seine Aufgabe ansieht? Können wir, ohne wehleidig zu werden, Fehler eingestehen? Geht es um Macht oder um gute Politik?“ Timea Baars, als Vertreterin der Jusos, berichtet von den zunehmenden hasserfüllten Kommentaren in den sozialen Medien, denen auch die Jusos, aber auch jeder einzelne privat, der sich für demokratische Parteien ausspricht, von rechten Kräften ausgesetzt seien. „Es geht leider nur noch selten um einen Austausch oder eine sachliche Diskussion, in der man miteinander ins Gespräch kommt.“, stellt Timea Baars fest. „Überzeugung funktioniert nicht mehr, auch kein Respekt vor der Meinung anderer.“


Als letzter in der Runde äußerte sich Pastor Dr. Florian Schneider, der als Vertreter der evangelischen Kirche immer wieder klare Kante zu rechtsradikalen Tendenzen zeigt. Auch ihn erschrecken die zunehmenden rechtsgerichteten Gedanken aus dem Kreis der christlichen Gemeinde. Denn tatsächlich habe dieses Gedankengut auch dort seinen eigenen Raum gefunden bei den „Christen in der AfD“. „In vielen persönlichen Gesprächen und stundenlangen Telefonaten habe ich erleben müssen, dass wir anscheinend auf verschiedenen Sternen leben, zwischen denen keine Verbindung mehr besteht“, gibt Pastor Schneider unumwunden und etwas ratlos zu. SPD-Mitglieder, aber auch viele interessierte Bürgerinnen und Bürger nutzten die Gelegenheit, um Fragen zu stellen. Auch sie berichteten über ihre Einschätzung und Erfahrung mit der Verrohung von Sprache und Umgang untereinander, sei es im privaten Umfeld oder in den sozialen Medien. Niemand scheute sich über eigene persönliche Erfahrung mit der aktuellen politischen Situation, auch gerade nach dem Ausgang der Bundestagswahl am vergangenen Sonntag, zu sprechen. Auch zum Bundestagsergebnis der SPD, zu möglichen Gründen für das schlechte Abschneiden und für die Abwanderung einer nicht unerheblichen Menge von Wählern wurde sehr offen diskutiert.


Darüber freute sich Tobias Handtke besonders: „Es ist auch für uns als SPD wichtig zu erfahren, was Wählerinnen und Wähler von der SPD erwarten, wie sich die Partei in der Opposition neu aufstellen sollte und was auch wir als Ortsverein dazu beitragen können, um als Sozialdemokraten wieder eine klare Haltung und Vertrauen zu vermitteln.“ Viele Fragen wurden an diesem Abend von allen Anwesenden gestellt. Es wurde offen, ehrlich und mit viel Wertschätzung füreinander gesprochen, zugehört und diskutiert. Auf viele Fragen sucht auch die SPD noch Antworten. In der „neuen“ Zeit, mit Rechtspopulisten im Bundestag und in vielen anderen Gremien, war das aber auch für ihre Mitglieder und in der angenehmen Runde, so kam es rüber, in Ordnung. Denn jetzt ginge es darum, Orientierung zu finden, ohne Basta-Politik, sondern mit Politik auf Augenhöhe. Michael-Hans Höntsch bringt es zum Abschuss noch einmal zusammenfassend auf den Punkt: „Das war heute Abend eine bemerkenswerte Debatte. Auch wenn die Frage bleibt: Wie erreichen wir Menschen, die ganz offensichtlich auf einem anderen Stern leben? Mit der Aufgeschlossenheit und der Fairness, mit der sie hier geführt wurde, leben wir genau das, was Tobias Handtke eingangs meinte, als er sagte: „ Wir müssen unsere Werte leben, wenn wir überzeugen und mitnehmen wollen.“ Dabei strahlt er eine unglaubliche Zuversicht aus. Er ist überzeugend und glaubhaft. Ich
wünsche ihm, dass er den Wahlkreis gewinnt.“

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    Über den Autor

    Andreas Scharnberg ist freiberuflicher Journalist und betreibt nebenher sein eigenes und unabhängiges Projekt einer regionalen Onlinezeitung. Der Vater von 4 Kindern ist Experte in Sachen der Lebenshilfe, aktiver Gewerkschafter, politisch interessiert und engagiertes Mitglied beim Weissen Ring. Als Hamburger weiß er auch, wie es ist, im Regen zu stehen.

    Andreas Scharnberg Redakteur

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